Den Spagat üben
Ein Freundeskreis trifft sich in jedem Jahr für ein Wochenende zu einem Wanderausflug. Der Autor dieser Zeilen gehört dazu. Es entstehen viele Fotos und auch einige Videos.
Auf der Fahrt zum diesjährigen Treffen postet einer der Freunde ein Video in die Whatsapp-Gruppe. Es zeigt sieben sportlich bekleidete mittelalte Herren, die sich im vergangenen Jahr in Kumpelmanier die Arme um die Schultern gelegt haben. Plötzlich springen die sieben überraschend sportlich und koordiniert in die Höhe und lachen dabei lauthals.
An die Situation und den Schulterschluss konnte sich der Autor erinnern. An das gut koordinierte Springen nicht. Selbstzweifel wuchsen – “kann es sein, dass ich so etwas nach gerade einmal einem Jahr vergessen habe? Ist das ein Vorbote einer Demenz?”
Nein. Es war nur der Vorbote einer Zukunft, in der KI-generierte ‘Fake’-Inhalte nicht nur ferne Ereignisse betreffen, sondern das ganz persönliche Umfeld. Das Video war mit Hilfe der Grok-KI aus dem tatsächlichen und erinnerten Foto generiert worden. Und das nicht einmal besonders gut. Nachdem der Groschen gefallen war, sah alles schon nicht mehr gar so hyperrealistisch aus.
Das Problem: selbst ein Mensch, der beinahe täglich in irgendeiner Form mit Gedanken und Befunden zur rasanten Entwicklung Künstlicher Intelligenz konfrontiert wird, zweifelt eher an sich als an seinen visuellen Eindrücken. Und das wird noch lange so gehen. Bis eines Tages der Frust über die anscheinend untrennbare Verwebung von Realität und Fiktion überhandnimmt. Oder tatsächliche Negativerlebnisse das Verlangen nach verlässlicher Realität wiedererwecken.
DAS ist dann der Moment, in dem sich echte Freunde von Social Media-Kontakten abheben werden. Und es ist der Moment, in dem verlässliche Medien sich von KI-generierten Traumfabriken und (potenziellen) Fake News-Kanälen abheben werden.
Bis dahin muss es journalistischen Angeboten mit Überlebenswillen gelingen, ihren Lesern/Hörern/Nutzern glaubwürdig einzuprägen: ‘Was wir berichten, das ist verlässlich real’. Am besten wäre es, sie könnten von sich behaupten: ‘Wir sind KI-free’.
Allerdings bedeutete ‘KI-free’ den Verzicht auf die Potenziale, auf die neuen Produkte, die durch KI möglich werden, auf die Effizienzgewinne oder die mit KI mögliche Steigerung der Marketingintelligenz. Das wäre wohl Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
Stattdessen muss der Spagat gelingen zwischen verantwortungsbewusster Nutzung von KI und gleichzeitiger Stärkung der Bindung an die Marke und die Menschen dahinter.
