Du sollst (nicht?) neugierig sein
Als wir diese Kolumne in Angriff nahmen, da waren wir noch irrtümlich davon überzeugt, dass ‘Gier’ eine der sieben Todsünden sei. ‘Habgier’ oder Geiz stehen auf dieser Liste, Gier nicht. Gieren darf man – jedenfalls gerät man damit nicht in Gefahr ewiger Verdammnis.
Eine Recherche nach Zitaten und Sprichwörtern macht aber schnell deutlich, dass sogar die eher harmlos wirkende Gier nach Neuem eine ambivalente Sache ist. Für die einen ist sie die Basis allen Wissens. Für die anderen eine Quelle von Unfrieden, Neid oder gar Zorn (so der römische Philosoph Seneca).
Unser Lieblingsfund stammt vom gar nicht zu überschätzenden Ambrose Bierce. Der soll gesagt haben: “Man hat beobachtet, dass die Nase niemals glücklicher ist, als wenn sie in anderer Leute Angelegenheiten steckt. Daraus haben einige Physiologen geschlossen, dass ihr der Geruchssinn fehle.” Vom nicht gar so pointiert formulierenden aber für seine Weltklugheit bekannten Laotse soll der Spruch stammen, “Wer sich auf die Fußspitze stellt, steht nicht fest”.
Bei erfolgreichen Digitalmedien hat die Neugier einen sehr guten Ruf. Um neugierige Menschen wetteifern die besten ihrer Klasse. Davon sind uns auf den vorherigen Seiten dieser Ausgabe gleich zwei begegnet. Die Zeit wirbt mit dem Claim ‘Bleiben Sie neugierig.’ Und der Podcastüberflieger Goalhanger will das ‘Zuhause der Neugier’ sein. Ergänzen können wir noch die adressierte Zielgruppe der Zeitschrift Economist. “Menschen mit weltweiter Neugier” (‘globally curious people’).
Ein bisschen erstaunlich ist, dass ausgerechnet diese Überflieger- und Vorbildmedien sich zu einem Trieb bekennen, den Social Media-Plattformen oder Doomscroll-Angebote wie TikTok und Instagram auf das Übelste mit großem Erfolg bedienen. Wenn Neugier positive Ergebnisse zeitigen soll, dann darf sie nicht vor allem suchtgetrieben und Algorithmus-gesteuert sein.
Auch Neuigkeit an sich ist seit langem kein sinnvolles Qualitätsmerkmal mehr. Darauf berufen sich noch viel mehr Medien, nämlich alle englischsprachigen ‘News’-Angebote und – verunkenntlicht durch sprachhistorische Entwicklungen – auch unsere Zeitungen und Nachrichtenmedien.
Viel mehr als alle neugierigen Menschen sollten Qualitätsmedien lieber alle wählerischen, anspruchsvollen Menschen ansprechen. Wer nicht beliebig vom ersten ins zweite Video stolpern will und wer Wahrhaftigkeit vor Neuigkeit und Spektakel stellt, der ist die richtige Zielgruppe.
