‚Kooperationsabos‘. Abosponsoring vom Haschlabor?

„Lesefreude zum halben Preis“ verspricht der WBZ-Abokiosk ‚Abo einfach‘. Und tatsächlich werden zum Beispiel Jahresabos für Der Spiegel für 143€ statt regulär 286€, für den Stern für 127€ statt 254€ aber auch für günstigere Objekte wie zum Beispiel AD Architectural Digest (40€ statt 80€) oder Anna (32€ statt 64€) angeboten. Alle Titel können auch im Halbjahresabo mit ebenfalls 50% Rabatt bestellt werden.

Wie ist das möglich? „Unser Kooperationspartner Nova Spektrum übernimmt die Hälfte des regulären Abopreises“, begrüßt den sparwilligen Besteller die Webseite www.aboeinfach.de/kooperation. Und dann folgen vier etwas verwirrte Zeilen, die Nova Spektrum als „junge Laborgesellschaft“ präsentieren, die die „Cannabis-Industrie (bspw. CBD Produkte) bei ihren besonderen Herausforderungen“ unterstütze. Und wem diese Informationen nicht genügen und wer aber dennoch ein Abo bestellt, dem wird in Aussicht gestellt: „Als weiterführende Information zur Nova Spektrum haben wir in der Auftragsbestätigung nach der Bestellverarbeitung ein kostenfreies PDF angehängt.“

In diesem PDF bietet Nova Spektrum seinen „Lab-Service“ an (u.a. die Messung des Gehalts an diversen Cannabis-typischen Wirkstoffen in Lebensmitteln oder Kosmetikprodukten) und die Beratung von Unternehmen, die Cannabis-Produkte vertreiben wollen. Beides sind Dienstleistungen, die in der Zielgruppe von WBZ-Zeitschriftenabonnenten zu bewerben wenig plausibel ist. Man darf davon ausgehen, dass die Kooperation zwischen Nova Spektrum und dem Abokiosk primär den Interessen des letzteren dient. Warum Nova Spektrum einen bis zu deutlich dreistelligen Betrag dazu gibt, wenn ‚Oma Erna‘ ihren Yellow-Titel abonniert, diese und ähnliche Fragen wollte uns Nova Spektrum nicht beantworten (auf mehrere E-Mails haben wir keine Antwort erhalten, unter der angeblichen Telefonnummer von Nova Spektrum, die auch im Abo einfach-Kiosk angegeben wird, ist kein Anschluss registriert).

Geschäftsführer von Nova Spektrum ist Vincent Klever. Über den weiß das Internet, dass sein „CBD-Startup wegen bandenmäßigen Rauschgifthandels angeklagt“ wurde (businessinsider.de). Denn die Cannabis-Produkte, die sein Unternehmen ‚Bunte Blüte‘ vertreibt, sind in den Augen der Staatsanwaltschaft illegale Betäubungsmittel. Klever [so wie zahlreiche Cannabis-Fans weltweit] sieht das anders. [Und natürlich bietet sein Unternehmen kein Haschisch an. Unsere Überschrift über diesen Beitrag überspitzt nur die Tatsache, dass hier ein unseriös auftretendes Unternehmen, das umstrittene Produkte befördert, ohne jedes erkennbare Interesse angeblich Geld in die Werbung von Zeitschriften-Abonnenten investiert.]

Insider: das ist ein typischer Fall eines ‚Kooperationsabos‘

WBZ-Konditionen erlauben oft Verzicht auf 50% der Aboerlöse

Bis zu 25%-33% der Abonnenten zahlen im 2. Jahr den vollen Preis

Wir haben uns bei einigen WBZ-Kennern schlau gemacht. Die Kooperation zwischen Nova Spektrum und dem Zeitschriftenkiosk Abo einfach dürfte nur eine besonders augenöffnende Variante einer seit Jahren blühenden Vertriebspraxis von Abowerbefirmen sein. Die von den Verlagen definierten WBZ-Konditionen (vgl. unseren jährlichen Bericht zu diesem Thema in pvd #2/2021) machen bei vielen Titeln den Aboverkauf auch dann wirtschaftlich attraktiv, wenn die Abonnenten im ersten Jahr nur den halben Preis bezahlen. Ein Insider sagt, dass bei gut gesteuerten Maßnahmen ein Viertel bis ein Drittel dieser Abos auch im zweiten, dann voll bezahlten Jahr, bei der Stange bleiben.

Cross-Selling erleichtert die Kalkulation

Bei Titeln, bei denen die Konditionen den hohen Rabatt im ersten Jahr eigentlich nicht hinreichend attraktiv machen, können nachfolgende Verkaufsaktionen die Kalkulation in den schwarzen Bereich entwickeln. Insbesondere Abowerbefirmen, die auch andere Produkte oder Leistungen im Angebot haben, sind darum bereit, im ersten Jahr eines Abos auf die Hälfte der regulären Aboerlöse zu verzichten.

WBZ verzichtet auf 50% der Abo-Erlöse, die IVW fordert aber 100%

Allerdings besteht die IVW bekanntlich darauf, dass als Abo nur solche Verträge gemeldet werden, bei denen auch der volle Preis bezahlt wird. Wenn der Kunde nur die Hälfte bezahlen soll, dann muss jemand anderes die andere Hälfte des Abopreises übernehmen. Das ist im Rahmen der IVW-Regeln durchaus möglich. Abos dürfen sogar verschenkt werden. Abos dürfen von Unternehmen (aus welcher Motivation heraus auch immer, es darf nur nicht der Verlag selbst sein) bezahlt und an Leser verschenkt werden, wenn die Leser eine „aktive Willenserklärung zum Bezug des Abonnements“ abgegeben haben und wenn sie auch tatsächlich individuell beliefert werden.

Kooperationspartner übernehmen weitere 50%

So versteht sogar Google den Begriff ‚Kooperationsabo‘

Wenn die Abowerbefirma also einen Kooperationspartner findet, der die andere Hälfte der Abokosten trägt, dann lassen sich ‚Abos zum halben Preis‘ verkaufen, die bei der IVW als vollwertige Abos gelten. Solche Abos werden nicht nur von Brancheninsidern als ‚Kooperationsabos‘ bezeichnet. Sogar Google findet unter dieser Bezeichnung Angebote hochrabattierter Abos.

naheliegende Vermutung: Kooperationspartner erhält sein Geld zurück

Was die IVW nicht weiter regeln kann, sind die übrigen Geschäftsbeziehungen zwischen Kooperationspartner und Abowerbefirma. Es wäre nicht verwunderlich, wenn der Betreiber des Abokiosks Abo einfach Gegenrechnungen in Höhe der Gesamtsumme der von Nova Spektrum bezahlten halben Aborechnungen akzeptierte. Fragen dazu wollte der Kiosk bzw. das dahinterstehende WBZ-Unternehmen nicht beantworten.

Kooperationsabos besonders einfach realisierbar bei Schwesterunternehmen

Noch einfacher dürfte sich das Thema für den Abokiosk Aboclub darstellen, der „bis zu 50% Preisvorteil“ durch Kooperationspartner verspricht. Denn dort ist der spendierfreudige Kooperationspartner das Unternehmen Exclusiv Energie, das ebenso wie Aboclub und zahlreiche andere Abowerbe- und sonstige Unternehmen der Unternehmerfamilie Ranke gehört.

Das erlaubt ein vermutbares Linke-Tasche-Rechte-Tasche-Geschäftsmodell, bei dem zudem den Abonnenten auch noch ein endkundentaugliches Angebot gemacht wird (ein ‚günstiger‘ Stromvertrag), statt zweifelhafter Cannabislabor-Dienstleistungen.

Vergleichbare Angebote finden sich in anderen Aboshops und mit anderen Kooperationspartnern. Neben Suchmaschinenmarketing werden sie auch mit aktiven Werbeplatzierungen promotet. Unser Hinweisgeber auf das Abo einfach-Angebot will eine entsprechende Anzeige auf spiegel.de gesehen haben. Dort wäre sie dann parallel zur Promotion des doppelt so teuren, nämlich zum regulären Preis verkauften Verlagsabos erschienen.

Auch Verlage bieten Kooperationsabos an

Auch Spiegel-Gesellschafter Gruner+Jahr bietet derzeit übrigens Abos zum halben Preis an. Allerdings nur für ein halbes Jahr Bezugszeit. Anschließend verlängern sich die Abos in Abos zum regulären Preis. Die Aktion läuft unter der URL https://aktion.guj-direct.de/sky. Laut einer G+J-Sprecherin nutzt Sky hierbei „G+J Marken als ein Angebot im Rahmen seines Loyalty Programms“. Die Abos würden bei der IVW gemeldet – in welcher Kategorie, das wollte uns die Sprecherin nicht verraten.

pvd meint Das Geschäftsmodell ‚Abo zum halben Preis aber zählbar in der vollwertigen IVW-Meldekategorie Abonnement‘ ist nicht auf Angebote des WBZ beschränkt. Es ist auch nicht unbedingt anrüchig. Wenn aus den Halber-Preis-Abonnenten in ausreichender Zahl Vollzahler werden, dann ist das allemal ein überzeugenderer Gewinnungsweg, als Prämienabos, bei denen der volle Jahrespreis in Form von Barprämien oder Handelsgutscheinen ‚erstattet‘ wird.

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