Von Future bis Fukushima in no time

Fällt Ihnen eine Technologie ein, an die sich beinahe eschatologische Heilserwartungen richten? Der weitgehend die Lösung mehr oder weniger jedes Menschheitsproblems zugetraut wird? Eine Technologie, die zu nutzen als Management-Imperativ Nummer 1 gilt?

Wenn Sie an diese Technologie denken, denken Sie dann auch an die Risiken, ja Bedrohungen, die von ihr ausgehen? Bedrohungen für einzelne Berufsgruppen, Industriezweige oder gar die Menschheit als Ganze?

Wenn Sie jetzt nicht an Künstliche Intelligenz denken, dann torpedieren Sie die Pointe dieses kleinen Schlussaufsatzes. Aber dann haben Sie vielleicht an die zivile Nutzung der Radioaktivität gedacht.

Denn als in der Mitte des letzten Jahrhunderts die ersten Atomkraftwerke errichtet wurden, da erhoffte man sich von der Atomkraft nicht nur die kostengünstige Produktion elektrischer Energie. Sondern Atomkraft sollte auch das Antriebsmittel der Zukunft für Autos, Schiffe und Flugzeuge sein.

Und nicht nur das: mehr oder weniger jedes Produkt und jede Leistung sollte zukünftig strahlen. Zahnpasten und Kosmetika wurden mit radioaktiven Stoffen versetzt. Jede medizinische Therapie musste atomare Zerfallsprozesse nutzen, um zeitgemäß zu wirken. In der Landwirtschaft setzte man Pflanzen absichtlich nuklearer Strahlung aus, um Mutationen zu befördern, von denen man sich positive neue Eigenschaften erhoffte.

Skepsis gegenüber der Kerntechnik, Bewusstsein für oder gar Angst vor deren Risiken verbreiteten sich in größeren Kreisen der Bevölkerung dagegen erst 15-20 Jahre später. Große Unfälle wie in Harrisburg, Tschernobyl oder Fukushima hatten zur Folge, dass die einstige Hoffnungstechnologie zunehmend als Bedrohung mit dem Potenzial zur Vernichtung der Lebensgrundlagen der ganzen Menschheit wahrgenommen wurde.

Übersteigerte Heilserwartungen und dystopische Zukunftsszenarien – beide Phänomene begleiten auch das Thema Künstliche Intelligenz, nicht erst aber spätestens seit der Veröffentlichung von ChatGPT. Anders als im Fall der Nukleartechnologie kommen hier aber Euphorie und Dystopie gleichzeitig daher.

Warum nutzen wir die Gelegenheit nicht auch zur sofortigen Synthese? KI ist eine beeindruckende, revolutionäre Technologie. Sie wird unsere Welt stark verändern. Aber sie ist weder die Antwort auf alle Fragen noch der vorhersehbare Untergang der Menschheit. Ziemlich sicher nicht einmal der Untergang von Pressemedien und Journalismus.

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