#1/2017: Laterpay beim Spiegel – die andere Seite der Medaille

Der Spiegel & Laterpay

Gerücht Ende November: SPON-Chefred. muss gehen, Laterpay floppt beim Spiegel

Ende November erregte die bekannte Medienjournalistin Ulrike Simon in einem Beitrag für Horizont den interessierten Teil der Branche mit einem Bericht zu Spiegel Online: dessen Chefredakteur Florian Harms stehe möglicherweise vor der Ablösung. Ein Grund dafür seien enttäuschende Ergebnisse aus der “von Harms eingefädelten[n] Kooperation mit Laterpay”. [pvd: seit Ende Juni 2016 bietet der Spiegel auf seiner Website einzelne Artikel zur Lektüre gegen Bezahlung an. Bei der Abwicklung setzt man auf den Bezahldienstleister Laterpay und dessen ‘Bierdeckel-Modell’, bei dem sich die Nutzer mit einem einzigen Klick dazu verpflichten, später einmal, wenn sie insgesamt Artikel für mindestens 5€ gelesen haben, diese auch tatsächlich zu bezahlen und dafür sofort Zugang zu den bezahlpflichtigen Inhalten erhalten.]

Dementis folgten sowohl vom Spiegel

als auch von Seiten Laterpay

Schnell kamen Dementis; vom Spiegel eher halbherzige (Laterpay sei ein “sehr geeigneter Partner”, aber es sei ja bekannt, dass man auch an anderen Modellen arbeite, “zum Beispiel digitale Abo-Modelle. Dafür werden wir auch alternative Bezahlsysteme benötigen”. Von Laterpay kam erwartbar ein engagierterer Widerspruch. Gründer und CEO Cosmin Ene sagte, von einem Flop könne keine Rede sein. Es gebe “eine hohe Anzahl an Kunden, die die Fünf-Euro-Hürde übersprungen haben, sich registrieren und auch zahlen.” 83% derjenigen, deren Bierdeckel auf spiegel.de die 5€-Schwelle über-schritten haben, würden auch tatsächlich bezahlen. Der Spiegel generiere “ein Vielfaches von allen anderen Lösungen, die bisher im Paid-Content-Bereich zum Einsatz kamen”. Zahlen dürfe er aber keine nennen. Es brauche mindestens ein Jahr, um eine klare Aussage zum Projekt Laterpay beim Spiegel treffen zu können, sagte Ene in einem lesenswerten Interview mit Business Insider [pv-digest.de/linkliste Link1].

Aber dann musste der Chefredakteur tatsächlich gehen

und lt. Taz hat der Spiegel nur 43.000€ per Laterpay eingenommen

Nur wenige Tage nach dem Erscheinen des Beitrags von Ulrike Simon erwies sich das Gerücht um eine Ablösung des Chefredakteurs als begründet. Harms musste gehen. Und in der Taz war Anfang Dezember zu lesen, dass Laterpay bis dahin gerade einmal 43.000€ an den Spiegel ausbezahlt habe (was der Spiegel nicht kommentieren wollte). Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass die Berichte um eine Unzufriedenheit des Spiegel mit dem Laterpay-Modell fundiert sind.

vertrauliche Unterlage zeigt Laterpays Sicht der Dinge

Für den Bezahldienstleister wäre ein Aus der Zusammenarbeit mit dem Vorzeigekunden Spiegel ein mächtiger Schlag ins Kontor. Dagegen wehrt sich das Unternehmen mit einer vertraulichen Unterlage, die kurz vor Weihnachten an die Verantwortlichen beim Spiegel versendet wurde. In diesem Dokument, das pv digest vorliegt, stellt Laterpay die andere Seite der bisher nur mit enttäuschend geringen Auszahlungen beschrifteten Medaille heraus.

“Alle Ziele erreicht”, heißt es darin

2Mio€ Auszahlung in 1-1,5 Jahren seien möglich

“Alle vereinbarten Ziele” seien erreicht worden, heißt es darin. Laterpay-Umsätze hätten sich als “Zusatzumsätze” erwiesen, die ohne negative Auswirkungen auf Traffic und Werbeumsätze erzielt wurden. Per Fortschreibung der bisherigen Daten und mit “einfachen und kostengünstigen Optimierungsmaßnahmen” könne der Spiegel in den nächsten ein bis anderthalb Jahren über 2Mio€ Laterpay-Auszahlungen erwarten.

zwar stimmen die 43.000€ der Taz

aber gleichzeitig sind Leser hohe Bezahlverpflichtungen eingegangen

Die Unterlage bestätigt zwar einerseits die von der Taz genannte Größenordnung. Bis Ende November dürften beim Spiegel tatsächlich nicht mehr als rund 40.000 Laterpay-Euro angekommen sein. Aber – und darauf stützt sich die Behauptung, dass jährliche Zusatzgewinne von rund 2Mio€ möglich wären – gleichzeitig haben Nutzer durch Anklicken des ‘Jetzt-lesen-später-bezahlen’-Buttons über 1,5Mio Artikel ‘gekauft’ und sind damit Bezahlverpflichtungen in hoch sechsstelliger Größenordnung eingegangen.

600.000€ bis Ende 2016

Bis Mitte Dezember dürfte sich die Summe des Betrages, den Nutzer auf dem Laterpay-Bierdeckel des Spiegel haben anschrieben lassen, auf über 600.000€ summiert haben.

mehr als die Hälfte dieser Summe von Nutzern, die nur 1 Artikel gelesen haben

nur 2,3% aller Laterpay-Nutzer beim Spiegel sind bisher der 5€-Grenze nahe

Allerdings zeigt die Unterlage auch, wie lange es dauert, bis einzelne Nutzer auf ihrem ‘Bierdeckel’ tatsächlich 5€ zusammengelesen haben. Denn auf weit mehr als der Hälfte der Bierdeckel, deren Gesamtsumme etwa 600.00€ beträgt, finden sich Bezahlverpflichtungen von weniger als 50Cent. Hier handelt es sich wohl überwiegend um Nutzer, die genau einen bezahlpflichtigen Artikel à 0,39€ gelesen haben. Wirklich nah an der 5€-Grenze, nämlich oberhalb von 4€, liegen dagegen nur etwa 2,3% aller ‘Bierdeckel’. Diese Nutzergruppe wachse aber “überproportional”, wird zutreffend herausgestellt. Allerdings verläuft dieses Wachstum nicht gerade explosiv.

Laterpay: bei Fortschreibung der Trends ca. 60.000€ mtl. Auszahlung bis Ende 2017

bei moderater Forcierung des Angebotes mtl. 150.000€ bis Ende 2017 möglich

Die Unterlage rechnet vor: würde der Spiegel das Laterpay-Modell genauso weiter betreiben wie bisher, dann würden sich die Auszahlungen aus Bierdeckeln, die die 5€-Schwelle überschreiten, von derzeit rund 14.000€ pro Monat in den nächsten zwölf Monaten vervierfachen. Bei einem Ausbau des Angebotes an bezahlpflichtigen Artikeln von vier auf fünf bis sechs pro Tag und aktiverer Promotion dieser Stücke könnte sich die Auszahlung binnen zwölf Monaten verzehnfachen. Innerhalb von zwei Jahren soll dann ein Niveau der monatlichen Auszahlungen von rund 200.000€ erreicht sein, was wohl die Basis der behaupteten möglichen 2Mio€ Mehrgewinn pro Jahr ist.

pvd meint : weder der Spiegel (keine Antwort) noch Laterpay-Chef Cosmin Ene (‘darf nicht’) hat unsere Fragen zu dieser Unterlage beantwortet. Wir halten die darin enthaltenen Daten für plausibel und die Hochrechnungen für mindestens vertretbar.

Die Frage, ob das eine vermutlich tatsächlich vorhandene Tendenz beim Spiegel beeinflusst, sich von Laterpay zu trennen, steht auf einem ganz anderen Blatt. “Wenn er zu jeder Zeit beinahe schmerzlos wieder den Stecker ziehen können will, dann ist das die beste Entscheidung”, haben wir in der Juli-Ausgabe des vergangenen Jahres die Entscheidung des Spiegel kommentiert, überhaupt auf Laterpay zu setzen. Es ist mehr als plausibel, dass ein so großes, so sehr von Vertriebserlösen abhängiges Unternehmen bei einem derart prominenten Angebot wie Spiegel Online auf eine eigene Lösung und auf eigene Abonnenten setzen will. Erstaunlich war vielmehr, warum nach all den Jahren der Diskussion um Paid Content bei Spiegel Online es im Sommer vergangenen Jahres überhaupt zu der Zusammenarbeit mit Laterpay kam.

Ein Grund dafür dürfte die technisch einfache Implementierung dieses Bezahlsystems sein, die uns von mehreren Seiten und ohne Widerspruch immer wieder bestätigt wird. Damit bot sich Laterpay als Übergangs- und Experimentierlösung an. Wenn damit nun tatsächlich ein Business Case entstanden ist, der mittelfristig auf siebenstellige Erlöse hoffen lässt, dann ist vielleicht Laterpay beim Spiegel gescheitert aber auf keinen Fall das Projekt Paid Content als Ganzes und auch nicht dessen Ausgestaltung als Micropayment mit Bierdeckel-Anschreibelogik.